28. Juni 2019

Seit mehr als 20 Jahren betreut Pfarrer Reiner Margardt Sträflinge in saarländischen Haftanstalten


„Die Ängste sind die gleichen wie Draußen – aber potenziert“, sagt Reiner Margardt. Der Theologe ist seit mehr als 20 Jahren in der Gefängnisseelsorge im Saarland unterwegs, seit dem Jahr 2000 in der Saarbrücker JVA Lerchesflur, wo die erwachsenen, männlichen Gefangenen im Saarland einsitzen.

Dort teilt er sich eine Stelle mit Karl-Günter Dilk und arbeitet eng mit zwei katholischen Kollegen zusammen. An seiner Arbeit reizt Margardt besonders, dass die Seelsorge im Mittelpunkt steht. Das gebe es sonst nur im Krankenhaus, bei Gemeindepfarrern beschränke sich diese Tätigkeit vor allem auf Trauerfälle.  

Viele Ehen zerbrechen nach der Haft

„Alle hier drin sind in einer Notsituation und haben Schuld auf sich geladen“, sagt Margardt. Insofern sei das Potenzial auch viel größer. Die größte Angst hätten die meisten Gefangenen vor der Zeit nach der Entlassung, zurück in die alte Mühle mit Job- und Wohnungssuche oder Beziehungsproblemen. Auch machten sich viele durch ein Kopf-Kino verrückt, etwa wenn ihre Frauen mal nicht zu Besuch kämen. „Hat sie einen anderen?“ „Ist etwas passiert?“ Dabei zerbrechen die Ehen vielfach erst nach der Haft. Frauen hätten gelernt, selbstständig zu leben, und der Mann wolle dort anknüpfen, wo er vor Jahren aufgehört habe: „Das passt dann einfach nicht mehr“, berichtet Margardt.

In einigen Gesprächen gehe es auch um die Frage nach Schuld und Vergebung. „Glauben Sie, dass Gott mir vergibt?“, wird der Pfarrer immer wieder gefragt vor allem von Menschen, die eine schwere Tat wie einen Mord begangen hätten. Margardts Antwort: „Gott wird Ihnen verzeihen. Ob ich oder andere Menschen das können, weiß ich nicht.“

Jeden Sonntag kommen zwischen 120 und 130 Männer in die drei Gottesdienste. „Hier hat der Gottesdienst noch eine ganz andere Position als Draußen“, sagt Margardt. Der wird in der hauseigenen Kirche und einer kleineren Kapelle gefeiert. Die Kirche ist mit hellen Stühlen ausgestattet, durch die von Häftlingen gestalteten bunten Glasfenster fällt Tageslicht und sind als einzige in der JVA nicht vergittert. Der ganze Stolz des Pfarrers ist eine Orgel.

 Und jeder kann kommen – ob evangelischer oder katholischer Christ, Buddhist, oder Moslem.  „Die Religionszugehörigkeit ist nicht wichtig“, betont Margardt. In seinem Büro im Verwaltungstrakt stehen Ausgaben der Bibel in den verschiedensten Sprachen: Englisch, Französisch, Italienisch, Arabisch, Rumänisch ….

Von den etwa 680 Männern, die derzeit in der JVA auf der Saarbrücker Bellevue einsitzen sind nach Schätzungen Margardts 150 Evangelisch und 300 Katholisch. „Das sieht hier wohl ähnlich aus, wie im Saarland insgesamt.“ Dass die Protestanten in der Minderheit sind, hat auch einen Vorteil: Er und sein Kollege würden jedem Häftling zum Geburtstag ein Päckchen mit Süßigkeiten, einem Kalender und Zeitschriften senden. Die beiden katholischen Seelsorger schafften das nicht, weil das zu viele seien.

Margardt ist klar, dass einige vor allem deswegen in die Gottesdienste kommen, um auch an den Sonntagen, in denen in der Haftanstalt sonst nicht viel passiert, mit anderen Menschen zu sprechen – „wie früher in der Kirche“ draußen. Denn im Gefängnis gibt es kein Handy und keine Mail. „Hier läuft die Kommunikation noch von Mann zu Mann.“ Das Gefängnis ist auch „einer der wenigen Orte“, wo noch Briefe per Hand geschrieben werden.

Vertrauen gegenüber den Pfarrern

Ganz wichtig für seine Arbeit sei, dass die Gefangenen wüssten, dass er nichts nach außen trage. Die Inhaftierten würden sich eher öffnen als etwa gegenüber einem Therapeuten oder Sozialarbeiter, weil Gespräche mit dem Pfarrer keinen Einfluss auf eine Entlassung hätten. Margardt informiert sich nie vorab darüber, was ein Gefangener verbrochen hat, um den Gesprächspartner nicht von vorherein in eine „Schublade“ zu stecken. Die Gefangenen könnten dann von selbst erzählen. Schwierig werde es für ihn, wenn sie von Sexualverbrechen etwa an Kindern berichteten. Um solche Fälle zu verarbeiten, träfen sich die beiden saarländischen Pfarrer sechs Mal im Jahr mit Kollegen aus Rheinland Pfalz zur Supervision.

Besonders mitgenommen hat Margardt seine Zeit im Jugendgefängnis Ottweiler, wo er ein Jahr lang Vertretung gemacht hat. Da sei ihm die Arbeit sehr viel schwerer gefallen – nicht zuletzt, weil er als Vater eines mittlerweile 19-jährigen Jungen ganz andere Bezüge hatte. „Das Frustrierende ist, dass die meisten Jugendlichen aus Ottweiler nach ihrer Entlassung irgendwann hier landen. Der Weg ist leider oft schon vorprogrammiert.“

Zu schaffen macht ihm, wenn ehemalige Gefangene nach ihrer Entlassung wieder eine ähnliche Tat begehen oder er in der Zeitung über Drogentote liest. „Letztendlich kenne ich die alle.“ Betroffen mache ihn auch, wenn einer der Justizbeamten sterbe, für die er auch zuständig sei. 

Er berichtet aber auch von positiven Erlebnisse. So habe ein Maler Gespräche stets damit angefangen: „Wenn ich hier rauskomme, mache ich meine Frau fertig!“ Daraufhin habe er gefragt: „Haben Sie auch noch andere Hobbys?“ Danach sei das Eis gebrochen gewesen: „Man konnte ganz anders mit ihm reden“. Und auch das Lachen mit seinem Kollegen Dilk tue ihm gut.

Im Mai haben sich die evangelischen Seelsorger aus Deutschland und den Nachbarländern in Trier getroffen. Eine der wichtigsten Erkenntnisse für Margardt: „In Deutschland gibt es ziemlich große Freiheiten in der Gefängnis-Seelsorge.“ So seien in Rheinland-Pfalz alle Stellen vom Staat refinanziert. In anderen Ländern – wie Ungarn oder Österreich – seien die Bedingungen da sehr viel schlechter. Jörg Fischer

 





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