7.4.26-17.4.26: Urlaub von Herrn Pfarrer Huwald
Urlaub von Herrn Pfarrer Huwald
In der Zeit von Dienstag, 7. bis
Freitag, 17. April befindet sich Herr
Pfarrer Huwald in Urlaub. Seine Vertretung
regelt das Gemeindebüro.
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Kirchenrat Frank-Matthias Hofmann ist seit 2006 Beauftragter der Evangelischen Kirchen für das Saarland. Nun geht er in den Ruhestand. Im Interview epd kritisiert Hofmann eine gesellschaftliche Verrohung in Deutschland. „Wir brauchen einen fairen Umgang miteinander und keine Herabwürdigung anderer Menschen.“ Ende April wird er in den Ruhestand verabschiedet.
Herr Hofmann, was hat Ihre Arbeit geprägt?
Frank-Matthias Hofmann: Wie eine Gesellschaft tickt, zeigt sich an ihrem Umgang mit den Schwächsten. Ein treibendes Element meiner Arbeit war, sich für diejenigen einzusetzen, die marginalisiert werden oder zurzeit keine Lobby haben. Man sieht, dass die Menschen, die während der NS-Zeit diskriminiert wurden, auch nach 1945 noch diskriminiert wurden und werden. In der Bevölkerung gewinnen immer mehr Ansichten den Raum, die Menschen aus der Gesellschaft ausschließen wollen. Aus der Geschichte ergibt sich eine Verpflichtung, aufzupassen und zu handeln, wenn man auf eine schiefe Ebene kommt. Dabei geht es um die Themen Armut, Kirchenasyl und Erinnerungsarbeit, aber auch den Umgang mit Minderheiten, Lesben und Schwulen, Antisemitismus und Antiziganismus.
Wo haben Sie Widerstände wahrgenommen?
Hofmann: Zum Thema Reichtum und Armut habe ich in meiner Antrittspredigt 2006 eine Studie der Diakonie aufgegriffen, wonach jedes fünfte Kind im Saarland in Armut lebt. Das hat der damaligen Alleinregierung von Peter Müller überhaupt nicht gefallen. Das Thema wollte man anfangs in dieser Dimension nicht wahrnehmen. Es gab eine Sorge, dass die Arbeit der Landesregierung nicht genug wertgeschätzt würde, wenn man auf die Probleme aufmerksam macht. Uns ging es aber immer um eine Verbesserung der gesellschaftlichen Teilhabe von benachteiligten Menschen. Die Frage der sozialen Gerechtigkeit ist für uns Protestanten im Gefolge der Propheten und der Bergpredigt Jesu erkenntnisleitend. „Protestare“ heißt übrigens „für etwas Zeugnis ablegen“: Bei allen kontroversen Diskussionen bleiben wir konstruktiv.
Im Laufe der Zeit sind wir mit anderen Akteuren wie Diakonie und Caritas am Ball geblieben. Es gab eine erste Sozialstudie, dann folgte später der Reichtums- und Armutsbericht. Die frühere Sozialministerin Monika Bachmann konnten wir davon überzeugen, auch das zu ihrem Thema zu machen. Heute wird die wachsende Schere zwischen Arm und Reich in der Gesellschaft sensibler wahrgenommen. Fakt ist aber auch, dass sich trotz aller Bemühungen leider fast nichts verändert hat: Noch immer ist jedes fünfte Kind in Armut. Bei der zurzeit laufenden quartiersbezogenen Armutsbekämpfung gibt es gewisse Erfolge. Oft sind es aber auch bundespolitische Entscheidungen, die nötig sind.
Was war eine der größten Herausforderungen in Ihrer Amtszeit?
Hofmann: Das war die Zeit der Erderschütterungen in den Jahren 2007 und 2008. Dieses Land ist geprägt durch Kohle und Stahl sowie durch die Montanunion. Die Bergbautradition und ihre religiöse Prägung waren auch ein besonderes Lernfeld für mich. Durch die Risse in den Häusern und etwa Gebäudeteile, die auf einen Kirchenvorplatz heruntergefallen sind, wo kurz vorher noch Kinder gespielt haben, sind Bergbaugegner stark auf den Plan getreten. Wir haben damals eine „Ökumenische Initiativgruppe Bergbaukrise“ gebildet, um zwischen Bergleuten und Bergbaugegnern zu vermitteln. Diese Versöhnungsarbeit vom Gebot der christlichen Nächstenliebe her beherzt anzugehen, war neben dem Umgang mit der Corona-Krise die größte Herausforderung in meinem Amt.
Bei dem Gottesdienst am 30. Juni 2012 zum Ende des Bergbaus mit Bischof Stephan Ackermann und der damaligen rheinischen Oberkirchenrätin Barbara Rudolph, deren Vater selbst „Kumpel“ an der Ruhr war, war es für mich beeindruckend, durch das gebildete Spalier der Bergleute und ihrer Familien zu gehen, die dort mit ihren Fackeln standen. Familiengenerationen, die 250 Jahre lang vom Bergbau gelebt hatten, die die Energiesicherheit in ganz Deutschland gewährleistet haben, mussten über Nacht ihre Identität ablegen. Das war eine mich stark berührende, eindrucksvolle Erfahrung, das hat mich geprägt. Gleichzeitig darf man auch nicht die negativen Seiten des Bergbaus vergessen, die Erderschütterungen mit den kaputten Häusern, die Lungenkrankheiten, die vielen Opfer der Schlagwetterexplosionen.
Was hätten Sie noch gerne umgesetzt?
Hofmann: Da gibt es zwei Dinge: Wir sind im Moment in sehr intensiven Verhandlungen zur Absenkung des kirchlichen Eigenanteils bei Kindertagesstätten. Es wäre gut, wenn wir vom zehnprozentigen Anteil an den Personalkosten wegkämen, denn wir sehen, wie uns durch die Transformationsprozesse die Finanzen wegbrechen. Wir kommen zurzeit in die heiße Phase der Verhandlungen und das wäre eine reizvolle Aufgabe gewesen, die Vorteile der ja vom Staat gewollten Trägervielfalt, die Stärken des Subsidiaritätsprinzips in die Diskussion einzubringen.
Und die zweite Sache?
Hofmann: Wir haben uns als christliche Kirchen mit den Muslimen und den Juden für einen Gottesbezug in der neu zu formulierenden Präambel der saarländischen Verfassung starkgemacht. Diese Botschaft ist in der Politik als außergewöhnlich wahrgenommen worden und trägt Früchte. Dass dies im Jahr 2026 gelungen ist, ist gewiss einer der Höhepunkte in meinem Schaffen. Im Zuge dessen ist die Idee eines „Interreligiösen Rates“ auf Landesebene aufgekommen. In meinen ersten Jahren hatte ich die Idee schon einmal angedacht, aber damals war die Zeit noch nicht reif. Menschen, die an einen Gott glauben, egal welcher Religion, sollten sich gemeinsam gegen rein profanierende oder atheistische Tendenzen in der Gesellschaft starkmachen.
Wie könnte das aussehen?
Hofmann: Ein Beispiel wäre das Modell im Schweizer Kanton Sankt Gallen: Die Kantonsregierung hat einen solchen Interreligiösen Rat einberufen, der sich mit gesellschaftspolitischen und ethischen Themen auseinandersetzt und den Kanton berät. Bei rein religiösen Fragen ist der Staat wieder raus, da dann das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften greift. Durch so ein Modell wird deutlich, dass sich die Religionen gemeinsamen ethischen Standards verpflichtet sehen und einen Beitrag für den gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten wollen. Denn die Religionen müssen sich untereinander auf ein einheitliches Votum verständigen. So ein Gremium könnte auch in die Gesellschaft ausstrahlen: Schaut her, wenn wir es schaffen, uns in polarisierten Zeiten zu einigen, dann ist Verständigung generell möglich. Ich bin nach wie vor davon überzeugt: Der Religionsfriede trägt zum Weltfrieden bei.
Da wir im Saarland schon alle eng zusammenarbeiten, könnte ich mir das gut vorstellen. Das Land könnte den Rat einsetzen und ihm bestimmte Aufträge geben. Das könnte an den Landtag oder an die Staatskanzlei angedockt sein. Ein mögliches Thema wären etwa ethische Standards am Anfang und Ende des Lebens. Die evangelischen Kirchenleitungen in Düsseldorf und Speyer jedenfalls befürworten dies.
Was sehen Sie zurzeit als größte Herausforderung für die evangelische Kirche?
Hofmann: Das ist der Umgang mit sexualisierter Gewalt und dem gleichzeitigen Aufzeigen dessen, was Kirche für die Gesellschaft leistet. Die letzten Studien zum Missbrauch haben verdeutlicht, dass die evangelische Kirche das Thema zu leicht den Katholiken zugeschoben hat. Sexualisierte Machtausübung ist auch bei uns kein Randthema. Wir müssen rücksichtslos aufklären. Es muss alles auf den Tisch, was schiefgelaufen ist. Wir müssen die Betroffenen ernst nehmen, indem wir ihre Geschichten anhören, ihnen seelsorgerliche und psychologische Angebote machen und soweit es überhaupt geht, das „wiedergutmachen“, das heißt sie über finanzielle Leistungen entschädigen. Die Kritik, dass durch die landeskirchliche Aufsplitterung im Protestantismus doch jeder macht, was er will, kann ich verstehen. Das muss sich ändern.
Es gibt aber auch noch eine andere Seite der Kirche. Das ist immer schwierig, wenn man das anspricht, weil es als Abwehrmechanismus empfunden wird. Das Verhalten einiger sollte nicht zum alleinigen Maßstab werden, um über die Bedeutung von Religion in der Gesellschaft zu urteilen. Der überwiegende Teil unserer Pfarrerinnen und Pfarrer sowie Mitarbeitenden verhält sich ordentlich und ethisch verantwortlich, lebt die Botschaft des Evangelium Jesu Christi. Wir müssen auch über die Themen reden, die gelingen: Verkündigung, Seelsorge, Diakonie, Bildung, den Menschen eine Heimat geben, Gemeinschaft herstellen. Diesen Spagat hinzubekommen, ist nicht einfach, aber doch unabdingbar.
Wo sehen Sie zurzeit die größten gesellschaftlichen Herausforderungen?
Hofmann: Im Moment verschieben sich gesellschaftliche Maßstäbe. Zu den Herausforderungen gehört der Kampf gegen die gesellschaftlichen Strömungen, die Menschenleben abwerten. Diese Strömungen richten sich etwa gegen Flüchtlinge, Menschen, die in der sozialen Leiter weiter unten stehen, Menschen mit Behinderungen oder queere Menschen. Ich habe auch Kontakt zu Familien mit sehr vielen Kindern oder Migranten, die in Behörden abfällig behandelt werden, weil sie sich nicht so gut ausdrücken können. Auch unsere Gesellschaft insgesamt bewegt sich leider in die falsche Richtung. Soziale Politik wird zunehmend diffamiert. Wir brauchen einen fairen Umgang miteinander und keine Herabwürdigung anderer Menschen. Die von Gott verliehene Würde des Menschen ist unantastbar. Und das gilt nicht nur für Deutsche.
Insgesamt ist eine gesellschaftliche Verrohung festzustellen – auch im Umgang mit Rettungskräften, Dienstleistern und der Polizei. Gemeinsam mit anderen Religionen, den Sozialpartnern und staatlichen Stellen müssen wir an einem Strang ziehen. Es geht darum, darauf zu schauen, was uns eint: Wir setzen uns für die Demokratie, den Rechtsstaat und für Menschenrechte, darunter auch Glaubensfreiheit, ein. Wir wollen aus unserer Geschichte lernen. Menschen sollen nie wieder in nütz und unnütz eingeteilt werden. Kirche muss aus ihrer Bubble raus in die Gesellschaft und in die Diskussion gehen. Nicht zuletzt dafür steht die Arbeit der Evangelischen Büros in allen Bundesländern: In den gesellschaftlichen und politischen Konflikten der Gegenwart diskursiv in der Nachfolge Jesu wachsam bleiben und nicht feige werden. Und der Macht der Liebe trauen.
Interview: Marc Patzwald/epd